Erzählungen
Auf dieser Seite sammle ich verschiedene Sagen, Legenden, alte Märchen, Mythen und alte Geschichten. Ich finde es immer wieder spannend in das Weltbild damaliger Zeiten einzutauchen, in dem es noch Geister, Feen, Trolle und viele weitere andersweltliche Wesen gab.
Märchen
Märchen sind etwas ganz besonderes. Vor allem alte Märchen enthalten Wissen und Glaube aus längst vergangener Zeit. Eine offensichtliche Anlaufstelle für Märchen sind die gesammelten Werke der Gebrüder Grimm. Aber auch viele weitere Quellen bieten eine Vielzahl an Märchen, die sich teilweise sehr ähnlich sind.
Frau Holle
Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit thun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen: sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach „hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Da gieng das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese gieng es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es herzu, und holte mit dem Brotschieber alles nach einander heraus. Danach gieng es weiter und kam zu einem Baum, der hieng voll Äpfel, und rief ihm zu „ach schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen als regneten sie, und schüttelte bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, gieng es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach „was fürchtest du dich, liebes Kind? bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn. Du mußt nur Acht geben daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“ Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit, und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf daß die Federn wie Schneeflocken umher flogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht was ihm fehlte, endlich merkte es daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser gieng als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr „ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.“ Die Frau Holle sagte „es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinauf bringen.“ Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Thor. Das Thor ward aufgethan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“ sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Thor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus: und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief „kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.
Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte wie es zu dem großen Reichthum gekommen war, wollte sie der andern häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und gieng auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber antwortete „da hätt ich Lust mich schmutzig zu machen,“ und gieng fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief „ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Sie antwortete aber „du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen,“ und gieng damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag that sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fieng sie schon an zu faullenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht wie sichs gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Thor, als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“ sagte die Frau Holle und schloß das Thor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief „kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“
Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, so lange sie lebte, nicht abgehen.
Badische Sagen
Spannende badische Sagen können z.B. im Badischen Sagenbuch von August Schnezler aus dem Jahre 1846 gefunden werden. Dieses erschien im Verlag Creuzbauer und Kasper und ist gemeinfrei verfügbar.Das freigebige Erdmännlein
Zu einem Bauer, welcher in der Gegend von Weingarten pflügte, kamen plötzlich aus dem Boden ein Erdmännlein und ein Erdweiblein. Letzteres war seiner Entbindung nahe und das Männlein bat den Bauer, aus dem Orte die Hebamme herbeizuholen. Der weigerte sich dessen und arbeitete fort, ließ sich aber auf des Männleins immer dringendere Bitten doch endlich zu diesem Gange bewegen. Unterdessen kroch das schwangere Weiblein wieder in den Boden, das Männlein jedoch blieb da und wartete die Hebamme ab. Als diese nun in Begleitung des Bauers kam, führte er sie durch eine, vorher nicht sichtbar gewordene, Oeffnung in die Erde in eine Art von Kammer, wo sie dem Weiblein bei seiner Niederkunft aufs Geschickteste beistand. Als man ihrer nicht mehr bedurfte und sie sich zum Fortgehn anschickte, füllte das Männlein ihr zum Lohn ihre Schürze mit dürrem Laub und rief, als sie während des Gehens einige Blätter davon verzettelte, ihr nach: sie möge die Schürze doch fest zusammenhalten und das Laub wohl in Acht nehmen! - Verdrießlich erwiederte sie, daß sie Laubes genug zu Hause habe und nicht wisse, was sie noch mit diesem anfangen solle, und ging ihres Weges. Zu der Oeffnung kaum wieder herausgekommen, fand sie alles Laub, das sie noch in der Schürze hatte, in eitel Gold verwandelt.
Hexenbutter
Ein Schneider zu Kappel unter Windeck, welcher in einem dortigen Haus arbeitete, hatte bemerkt, daß die Frau, vor dem Butterstampfen, den Stämpel mit einer Salbe bestrich, worauf sie augenblicklich aus nur wenig Rahm eine Menge der schönsten Butter gewann. Als das Weib auf eine Weile aus der Stube gegangen war, nahm der Schneider aus dem Salbbüchschen, das auf dem Thürgesims stand, etwas von jener Salbe und hieß seine Frau, nur ein wenig Rahm zu nehmen und zu buttern. Sogleich fand sie zu ihrem höchsten Erstaunen einen großen Butterklumpen im Butterfaß. Von diesem zu genießen oder wegzugeben, verbot ihr Mann strenge, mit der Bemerkung, er habe nur einen Versuch anstellen wollen. Am nächsten Morgen, als dieser Mann bei Tagesanbruch in den benachbarten Wald ging, begegnete ihm ein schmucker Jäger, hielt ihn an und sprach: „Du hast gestern meine Kunst geübt und mußt dich daher in mein Buch einschreiben!“ - wobei er ihm ein schwarzes Buch nebst einer Hahnenfeder vorhielt. Der Schneider, sonst ein gottesfürchtiger Mann, schrieb in dasselbe nur, statt seines Namens, die Buchstaben der Kreuzestafel: J. N. R. J. Da ließ der Jäger, welcher Niemand anders als der Teufel selbst war, das Buch mit Entsetzen fallen und verschwand unter greulichem Gestank. Der Schneider hob das Buch auf und bracht' es in's Kappler Pfarrhaus, wo es der Pfarrer alsbald den Flammen übergab.Der Hexenthurm in Bühl
Auf dem linken Ufer des Bühlerbaches, in dem Theile des Städtchens Bühl, welcher den Herren von Windeck gehörte, stand noch vor nicht gar langer Zeit ein mächtiger Thurm, der Hexenthurm genannt. Er mochte wohl ursprünglich mit dem kaum hundert Schritte von ihm entfernten Schlosse der Windecker durch einen unterirdischen Gang in Verbindung gewesen seyn; später aber, zur Zeit der unseligen Herenprocesse, benützte man ihn als Gefängniß für diese unglücklichen Schlachtopfer eines finsteren Wahnes.
Damals lebte in Bühl eine wackere, fromme Matrone, die ein einziges, sehr schönes und eben so tugendhaftes Töchterlein besaß, Gertrud mit Namen. Die Reize des Mädchens erregten die Lüsternheit des Schloßvogts, der ein gewaltthätiger Mann und roher Wüstling war, und er machte der Jungfrau Anträge, die jedoch mit Abscheu zurückgewiesen wurden. Der Burgvogt ergrimmte und sann von Stund' an auf Rache.
Zufällig begab es sich, das Gertrud eines Tages vor Sonnenaufgang sogenannte Ostertaufe oder Wasser, welches in den katholischen Kirchen auf Ostern geweiht wird, auf einen ihrer Mutter gehörigen Acker trug, wie es noch jetzt in jenen Gegenden Sitte, wodurch man Einwirkungen böser Geister abzuhalten glaubt. Nun überzogen im folgenden Sommer ganze Heeresschwärme von schädlichen Insekten, welche die Felder verwüsteten, die Umgebung von Bühl, und was sie noch verschont hatten, das vernichtete vollends der Hagel. Dies brachte den Burgvogt auf den höllischen Gedanken, die arme Gertrud als Hexe anzuklagen, durch deren Künste die Insekten und der Hagel herbeigezaubert worden seyen, indem sie eine gewiße Flüssigkeit über die Felder ausgegossen und dabei magische Sprüche hergesagt habe; letztere waren aber nur einige Vaterunser gewesen, die sie damals zu ihrem frommgläubigen Werke gebetet.
Keine Anklage fand in jener Zeit leichteren und allgemeineren Glauben, als die auf ein Bündniß mit den bösen Geistern lautete. Gertrud wurde sogleich als Hexe eingezogen und, um ein Geständniß des ihr zur Last gelegten Verbrechens zu erpressen, erkannte der Richter auf Tortur. Gertrud fühlte, sie würde die Schmerzen der Folter nicht überstehen können, und bat um einen Beichtvater. Dies Gesuch durfte man ihr nicht abschlagen, und der Pfarrer wurde ihr zugesandt. Dieser war ein frommer Mann, in dessen Herzen die Sprache der Unschuld und Wahrheit immer offenen Eingang fand und welcher keine Menschenfurcht kannte. Er überzeugte sich auch alsbald von der Unschuld der Jungfrau, nachdem er ihre Beichte vernommen, zumal da ihm die Lasterhaftigkeit des Vogtes nicht fremd war. Sein Zuspruch erweckte in Gertrudens Herzen einiges Vertrauen. „Es lebt ein Gott, welcher die Unschuld beschützt;“ - sprach er, ihr die Hand zum Segen auflegend, - „verlaß dich auf Ihn!“ - Mit hoher Zuversicht erfüllt betrat nun die Jungfrau die Folterkammer; kaum fiel aber ihr Blick auf die Marterinstrumente, als plötzlich alle mit Gerassel zersprangen. Selbst des Henkers Gesicht überflog Todtenblässe, und nur der anwesende Schloßvogt verlor die Fassung nicht, sondern rief: „Da seht die schlimme Zauberin! Ist das nicht abermals ein Werk der Teufels? Was braucht ihr denn jetzt noch mehr Beweise? Verdammt die Hexe nur ohne Weiteres zum Scheiterhaufen!“ - Dies geschah nun ohne Widerrede.
Der verhängnißvolle Tag brach an; der Scheiterhaufen war aufgerichtet mit einem hohen Pfahl in der Mitte, an welchen die Verurtheilte festgebunden werden sollte. Eine unzählbare Volksmenge war von allen Seiten herbei geströmt. Der Pfarrer geleitete die Dulderin auf diesem ihrem letzten Gange und sprach ihr Muth ein: „Er, so dich der Qualen der Folter überhoben, kann dich auch vom Tode befreien!“ - Gertrud bewahrte ihre Heiterkeit und Ruhe.
Sie bestieg jetzt den Holzstoß und ließ sich geduldig an den Pfahl binden, während ihr Seelsorger in ihrer Nähe stehen blieb. Tiefe Stille herrschte rings im weiten Kreise der Zuschauer; in vielen Augen zitterten Thränen. Da wurde das Zeichen gegeben und der Holzstoß an drei Seiten in Brand gesetzt.
Aber plötzlich rauschte aus einer mächtigen schwarzen Wolkenmasse, die von Abend heraufgezogen war, ein gewaltiger Schlagregen nieder, der sogleich die Flammen auslöschte, und im nämlichen Augenblicke lösten sich die Bande der Jungfrau, und sie sank auf die Kniee und hob die gefalteten Hände zum Himmel. Der Pfarrherr aber rief dem versammelten Volke zu: „Seht hier das Zeichen vom Himmel! Gott hat gerichtet, denn die Menschen haben keine Macht über die Elemente!“
„Gott hat gerichtet!“ - wiederholte mit Gejubel die Menge und stürzte auf den Schloßvogt los, der nicht weit vom Scheiterhaufen zu Pferde hielt, nun aber in der schleunigsten Flucht Rettung vor der Wuth des Volkes suchte. Der Herr von Windeck jedoch ließ ihn, als ihm die Geschichte hinterbracht wurde, sogleich in denselben Hexenthurm werfen. Einige Zeit darauf fand man den Verzweifelten darin mit seinem eigenen Gürtel erhenkt.